Gelesen, erlesen

Wer mich kennt, sieht an einem einzigen Faktor sofort, ob es mir seelisch gut geht oder nicht, denn wenn ich aufhöre, Bücher zu lesen, steht es schlecht um mich. In den vergangenen Jahren hat es nicht wenige Phasen gegeben, in denen ich mich von vielen Ereignissen und Entwicklungen ziemlich überfordert gefühlt habe, sodass ich zeitweise wenig bis gar keine Bücher lesen wollte – oder besser gesagt: meinen Kopf nicht mehr freibekommen habe. Dass sich die Dinge wieder zum Besseren gewandt haben, spüre ich schon länger, recht anschaulich war diese Tatsache jedoch gestern anlässlich einer Aufräumaktion in meinem Bücher- und Arbeitszimmer zu erkennen. Hier der Stapel jener Bücher, die ich im Mai und Juni gelesen habe:

OLYMPUS DIGITAL CAMERABeim „Wiener Pitaval“ handelt es sich um die Neuauflage einer erstmals 1913 erschienenen repräsentativen Zusammenstellung von Kriminalfällen aus dem Wien des 19. Jahrhunderts, ergänzt durch Hintergrundinformationen über Entwicklungen bei Justiz und Strafvollzug der damaligen Zeit. Spannend, tragisch und kurzweilig zugleich, und überdies ein sehr deutlicher Spiegel der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse; dass man manche Ecken Wiens nach der Lektüre mit anderen Augen sieht, ist ein nicht uninteressanter Nebeneffekt.

Die darüber liegenden fünf Bücher („Kraftorte im Weinviertel„, „Heiliges und Wundersames„, „Der schöne Tod in Wien„, „Dunkle Geschichten aus dem Alten Österreich„, „Teuflisches Österreich„) aus dem Pichler Verlag beweisen eindeutig, dass ich ein bedauernswertes Opfer der wirklich infamen Aktionstische beim Frick bin. Ähem, ja. Tatsächlich würde ich für diese Bücher nicht den vollen Preis zahlen, weil mich die jeweiligen Themen nicht genug interessieren bzw. nur eine Ergänzung zu bereits vorhandenen Materialien darstellen, zum Drüberstreuen sind sie jedoch mehr als gut genug. Außerdem habe ich beim Lesen von „Teuflisches Österreich“ meine dunkle Seite erkannt: Der Großteil der dort den Hexen und dem Teufel zugeschriebenen Pflanzen begleitet mich schon seit Jahren durch meine Gärten. Dass die meisten der Tiere des Teufels – Ziegenbock, Wolf, Hund, Katze, Rabe, Eule und Kröte – zu meinen Lieblingstieren gehören, bestärkt mich dann lediglich noch in meiner Überzeugung, ich wäre zur Zeit der Hexenverfolgungen nicht sehr alt geworden.

Ebenfalls auf dem Wühltisch ergattert: „Kaffeehäuser und ihre Besucher“ aus der Reihe „Wien in alten Fotografien“, erschienen bei Ueberreuter. Auch hier finden sich Kultur- und Sozialgeschichte in verbildlichter Form – anschaulicher kann Vergangenheit nicht sein.

Lina Loos oder Wenn die Muse sich selbst küsst“ ist eine der besten Biografien, die ich kenne. Die Autorin Lisa Fischer hat viele kleine Teile minuziös zusammengesucht und zu einem faszinierenden, jedoch keineswegs unkritischen Bild gestaltet; dass es etliche Schriften und Theaterstücke aus der Feder von Lina Loos gibt, die nach wie vor unveröffentlicht sind, halte ich angesichts der Textauszüge für eine Kulturschande.

Wolfram Pirchner ist ein in Österreich bekannter und beliebter Fernsehmoderator; von seinen über einen längeren Zeitraum hinweg anhaltenden schweren gesundheitlichen Problemen habe ich erst aus einer Buchrezension erfahren. Mit diversen eigenen Erfahrungen versehen, die mir das Leben ungebeten aufs Auge gedrückt hat, war ich neugierig auf das, was der Autor zu sagen hat. Er selber legt Wert auf die Tatsache, dass es sich bei seinem Buch „Nur keine Panik. Mein Weg zurück ins Leben“ nicht um einen Ratgeber handelt, sondern um einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht. Herr Pirchner schreibt, wie man in Berlin wohl sagen würde, „frei Schnauze“, verläuft sich aber trotzdem nicht in seinen Betrachtungen und zeigt unter anderem jene Möglichkeiten auf, die ihm bei seinem Heilungsprozess geholfen haben. Auch ein paar, die eher das Gegenteil waren, aber das wiederum ist eine andere Geschichte und eine persönliche unschöne Erfahrung, die ich vielleicht irgendwann erzählen werde. Meine Bilanz: Ich mag dieses Buch, weil es für mich wie ein Gespräch mit jemandem war, der über sich selbst lachen kann und einen scharfen Blick für so manche Missstände beruflicher und privater Art hat.

Der moderne Spießer“ und „Zick Zick Zyliss“ sind zwei klasssische Mitbringselbücher, die ich mir aus genau diesem Grund einfach so selber mitgebracht habe. Ersteres, weil mich ein paar der Beobachtungen beim kurzen Hineinlesen zum Schmunzeln gebracht haben, zweiteres, weil ich anfällig bin für Kindheits- und Jugenderinnerungen in der Art von „Wickie, Slime und Paiper“. Fazit: Ob, und wenn ja, wie sehr wir spießig sind, wird die Nachwelt beurteilen.

Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Einerseits zeugt der Text stellenweise von extrem guter Beobachtungsgabe, andererseits war er schon wieder zu Ende, als ich mich erst warmgelesen hatte. Ein Coitus interruptus in Buchform, sozusagen.

Ganz anders hingegen Sándor Márais „Wandlungen einer Ehe„: Stilistisch unantastbar, inhaltlich ein Parforceritt durch die Abgründe der menschlichen Seele in einer Zeit von Klassenzwängen und gesellschaftlichen Konventionen. Ganz große Literatur, immer noch.

Dracula„. Ja, genau der. Hatte ich noch nie als Buch in der Hand, Sachen gibts… Traurig ist nur die Tatsache, dass Bram Stoker mit diesem Buch zu Lebzeiten kein Erfolg beschieden war.

Ich mag Krimis mit Lokalkolorit, vor allem, wenn ich die Gegend näher kenne. In diesem Fall war es das steirische Salzkammergut, dessen Menschen und Eigenheiten Herbert Dutzler liebevoll karikiert, ohne die Spannung außer Acht zu lassen. „Letzter Kirtag“ ist der erste der bislang vier Altaussee-Krimis, und was mich angeht, so wird es nicht bei diesem einen bleiben!

Auch das nördliche Weinviertel mit seinen Kellergassen ist mir nicht unbekannt, und so habe ich mich über ein Wiederlesen mit „Polt“ gefreut. Es gibt Romanfiguren, die mir ans Herz gewachsen sind; Herr Polt gehört dazu.

Donna Leons „Auf Treu und Glauben“ war zusammen mit den beiden vorigen Büchern meine vorwöchige Sonntagslektüre – perfekt für einen Sommertag auf der Terrasse, dankenswerterweise auch verständlich, wenn man – so wie ich – nicht alle Titel der Brunetti-Reihe kennt.

Es gibt Bücher, die verfolgen einen offensichtlich so lange, bis man bereit ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. „Schattenmund“ hatte ich als Buchempfehlung einer Schulkollegin in der Oberstufe in der Hand, entschied wohl aber nach kurzem Hineinlesen, diese Auseinandersetzung einer Frau mit ihrer Familiengeschichte sei beim damaligen Stand der Dinge als Lektüre für mich keine gute Idee. Ich könnte recht gehabt haben. Plötzlich, im Frühling dieses Jahres, fand sich der Titel wieder in meinem Kopf und mittels Versandantiquariat wenige Tage später auf meinem Schreibtisch. Ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben, denn wenngleich das Buch eine Kindheit in einer heute so nicht mehr existierenden Welt beschreibt, bleibt der Kern trotzdem zeitlos wahr.

Den Titel „Die Kunst des klaren Denkens“ hatte ich zunächst für Ironie gehalten. Ist es aber nicht, denn es geht bei diesen Betrachtungen um Denkfallen, in die man immer wieder abrutscht, ohne es bewusst darauf anzulegen. Sehr aufschlussreicher Text, ziemlich unterhaltsam geschrieben, also auf alle Fälle lohnende Lektüre.

Zu guter Letzt: Der bewährte „Tafelspitz“ in der aktuellen Ausgabe des derzeit stattfindenden Jahres, mein bewährter Helfer in kulinarischen Lebenslagen. Ja doch, ich lese ihn wirklich zuerst einmal von vorne bis hinten durch!

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Eine Antwort zu Gelesen, erlesen

  1. fraufrogg schreibt:

    Den Titel von Sandor Marai habe ich eben gekauft. Es gibt ja so wenige Bücher über die Ehe. Danke für den Tipp! Ich vermute, es dürfte eines dieser umständlich zu lesenden, etwas langatmigen Bücher sein, die man sich nur in den Ferien zu Gemüte führen sollte – es dann aber mit viel Gewinn tut. 😉

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