Dating. Eine vorläufige Bilanz.

Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob es hier weitere Dating-Erlebnisse geben wird, und das nicht, weil mir der Mann, der mein Herz wärmt, schon begegnet ist, sondern ganz im Gegenteil: Mich beschleicht neuerdings immer öfter das Gefühl, wenn ich noch länger weitermache, werde ich bald die Nase so voll von Männern haben, dass ich vor Verbitterung meinen Traummann nicht einmal mehr erkennen würde, stünde er direkt vor mir. Die Verbitterung rührt dabei nicht einmal von den diversen Männern her, die mir auf diesem Weg begegnet sind und nach wie vor begegnen, sondern resultiert aus der Tatsache, dass es bei Online-Dating leider viele Missverständnisse gibt. Sehr viele Missverständnisse. Enorm viele Missverständnisse.

Ohne jetzt wissenschaftlich diskutieren zu wollen: Wenn wir einem Menschen, den wir bislang nicht gekannt haben, im Real Life begegnen, sind wir mit vielen Sinneseindrücken gleichzeitig konfrontiert, aus denen sich im Idealfall recht schnell ein Bild dieses Menschen formt. Manches nehmen wir bewusst wahr, vieles läuft unbewusst ab, aber jedenfalls lässt die Dichte an Informationen kaum zu wünschen übrig. Wenn ich überlege, worauf ich selber bewusst vorrangig achte, dann fallen mir der Ausdruck der Augen und die Mimik ein, Körperhaltung und Körpersprache, Gestik, Stimme, Sprachgebarung, Wortschatz, Temperament, und auch, ob jemand gepflegt ist oder nicht. Schon eher unterschwellig nehme ich den Eigenduft eines Menschen wahr, und auch, welche Ausstrahlung er hat, und darüber hinaus gibt es viele kleine Details, die scheinbar nebenbei unbewusst einsickern. Bei der Verarbeitung aller dieser Eindrücke agiert vorwiegend mein Unterbewusstsein, denn es arbeitet mit Erfahrungen, zieht Vergleiche mit Menschen, die ich kenne oder kannte, und ebensolchen Situationen. Im Grunde genommen bedarf es in Summe bei mir nur weniger Stunden, um mir ein recht tragfähiges Bild eines Menschen zu machen, zumal mich meine Menschenkenntnis kaum im Stich lässt. In dem Wissen, dass jeder Mensch seine persönliche Biografie hat und auch stark situationsbezogen agiert und reagiert, versuche ich auch, so wenig wie möglich zu werten, sondern vorwiegend zu beobachten – was mir meist auch gelingt.

Die erste Begegnung im Internet findet meist per geschriebenem Wort statt. Gerade beim Dating ist das gleichzeitig sofort die erste böse Falle, denn auch Emojis und Smileys können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl Stimme als auch Sprachmelodie fehlen. Ich kann derart sprechen, dass auch jemand, der mein Gesicht nicht sieht, sofort weiß, dass ich freundlich lächle – eindeutig so zu schreiben hingegen vermag ich nicht. Je nach Interpretation kann ein geschriebenes Bonmot beinahe alles von der witzig-charmanten Anmerkung bis hin zum puren Zynismus sein. Das Gehirn möchte jedoch Klarheit, also versucht es, aus den wenigen vorhandenen Informationen etwas Brauchbares zu basteln, indem es auf Erinnerungen zurückgreift. Das können persönliche Eindrücke genauso sein wie solche, die man beispielsweise beim Lesen von Büchern oder beim Filmschauen gewonnen hat. Da ist eine Redewendung, die uns an etwas erinnert, das ein von uns bewunderter Filmheld einmal in seiner Rolle gesagt hat, oder ein Zitat, das aus einem Buch stammt, welches uns sehr viel bedeutet, und schon schlägt unser Herz höher. Wir können jedoch nicht wissen, ob unser virtuelles Gegenüber diese Formulierung rein zufällig gewählt hat oder das Zitat vielleicht nur verwendet wurde, weil es gut klingt, ohne dass der Schreiber auch nur die geringste Ahnung vom Inhalt des Buches hat. Kurz gesagt: Unser Gehirn füllt die vielen, vielen Lücken in der schriftlichen Kommunikation mit Erfahrungen, Wünschen, Träumen, Fantasien.

Irgendwann kommt meist noch ein Foto bzw. eine Fotofreigabe hinzu, aber auch eine Fotografie ist nur eine Momentaufnahme und kann den besten Tag in Monaten spiegeln oder auch einen der schlechtesten. Wer weiß das schon? Gesichtszüge allein haben nur bedingte Aussagekraft, ganz abgesehen davon, dass sich ohnehin die meisten Menschen beim Anblick einer auf sie gerichteten Kamera so sehr verkrampfen, dass man annehmen könnte, es handle sich um keine Kamera, sondern um eine schussbereite Kalaschnikow.  Die andere Variante ist eine perfekt inszenierte Studioaufnahme, die dafür sorgt, dass eine Enttäuschung schon programmiert ist, denn welche Realität hält einem professionellen Porträt schon stand?

Wenn die Dinge sich gut entwickeln, telefoniert man irgendwann miteinander. Die Stimme sagt schon mehr aus, freilich, aber trotzdem braucht es sehr feines Gehör für Zwischentöne sowie eine gute Menschenkenntnis, um daraus konkretere Schlüsse ziehen zu können. Für ein Telefonat kann man schon einmal die sprichwörtliche Kreide fressen, und eine wirklich unangenehme Stimme haben ohnehin nur die wenigsten Menschen.

Im Idealfall verfügen wir dann bei einem ersten persönlichen Treffen über ungefähr 25% brauchbare Informationen. Der Rest setzt sich zusammen aus dem, was wir uns zusammengereimt haben, wobei das Wort nicht einmal negativ gemeint ist. Dass die anderen 75% zu einer Enttäuschung im wahrsten Sinne des Wortes führen werden, ist mehr als wahrscheinlich. Ja, und mit dieser Feststellung bin ich dann auch bereits an jenem Punkt angekommen, der vermutlich nicht nur bei mir ein wunder ist: Ich bin nicht so dickhäutig, dass ich solche Enttäuschungen einfach wegstecke (und möchte es auch nie sein), also sollte ich wohl besser die Konsequenzen ziehen und in absehbarer Zeit die Dating-Ecke des Internet für mich als glückloses Experiment abhaken.

Irgendwann im vorigen Jahr habe ich mir geschworen, mich auf nichts mehr im zwischenmenschlichen Bereich einzulassen, was einfach aussieht und in Wirklichkeit unfassbar kompliziert ist. Ich habe nicht vor, mir selber untreu zu werden.

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8 Antworten zu Dating. Eine vorläufige Bilanz.

  1. pueringer schreibt:

    Liebe Maria, das beschreibt perfekt meine Erfahrungen! Kannst du dich an meinen ersten Kommentar zu dem Thema erinnern? Dass ich dich bewundere, dass du dir das antust? Mein letztes blind Date, war der Vater meiner Kinder und wir haben wenig geschrieben und stundenlang, Tagelang, wochenlang telefoniert. Ich war so verliebt, wie nur möglich und die Realität ist so weit weg von all dem, wie nur möglich! Diese Zusammenfassung hier hätte ich niemals in diese Worte fassen können, aber es ist genau so!

  2. Fjonka schreibt:

    Aus ebendiesen Gründen hatte ich meinen (jetzigen Ehe-) mann, den ich eher zufällig per Personal message über ein Buch kennengerlernt hatte, und mit dem ich dann ins mailen gekommen war, auch nach vielen Wochen des mailens nicht kennenlernen wollen. Ich hatte mir nicht vorstellen können, daß ein persönliches Treffen dem durchaus kribblend-spannenden Mailkontakt würde standhalten können.
    Ein großer, glücklicher Zufall sorgte dafür, daß es dann doch funktionierte. Daß weder Stimme noch Optik, Geruch und auch Wohnumgebung (für mich sehr wichtig) des oder der anderen so garnicht passen wollten
    Will sagen: yes, we can 😉 Aber es ist schwierig. Und umso schwieriger, wenn der Kontakt schon mit dem Ziel der Beziehung aufgenommen wird, denke ich.
    Ich habe sehr gern mitgelesen, weil ich beeindruckt von den Schilderungen der Männer und dem Umgang mit den Treffen war. Sehr „erwachsen“ und angenehm respektvoll. Und ich drücke jeden Daumen, daß der Mann der Träume sehr bald ganz zufällig um die Ecke biegen möge

  3. dus schreibt:

    es kann aber auch zufällig ganz anders kommen. ich habe miss jones gesehen und seitdem verbringen wir unser leben miteinander. einfach so. ganz ohne trara.

    • mariahofbauer schreibt:

      Im Grunde genommen wünsch ich mir eh nix anderes als dass wir einander einfach so irgendwo begegnen und sofort wissen, dass wir zusammengehören. Miss Jones und du, ihr seid ohnehin für mich Vorbilder, was Partnerschaft angeht.

  4. Rosenherz schreibt:

    Liebe Maria,
    vieles kommt mir bekannt vor aus deinem Posting. Danke für diesen Beitrag mitten aus dem Leben.
    Wie man dem Traummann begegnet? Gibt es sowas wie den (fertig zugestellten) Traummann überhaupt? Mir erscheint er vielmehr, als gern gehegte Illusion: Einen wunderbaren, attraktiven, gebildeten, gepflegten, gefühlvollen, erwachsen agierenden Mann mit guten Manieren zu treffen, der ideal zu mir passt.

    Online kennenlernen – eine Enttäuschung? Meine Tochter und ihren Freund lernten sich übers Chatten kennen. Gesehen, gefunkt, gepasst. – Heuer sind es 16 Jahre, dass die beiden ein gemeinsames Paar.

    Meine Schwester war vier Jahre lang Single (nach einer Langzeitbeziehung) und ist stets in bestem Zustand aus dem Haus gegangen. Tadellose Tageskleidung, feine Unterwäsche, das Haar mit guter Frisur, Achsel und Beine rasiert, Make-up. Sie wollte vorbereitet sein, falls sie irgendwo ihren Traummann begegne. Man könne ja nie wissen. Just als sie eines Morgens im Jogginganzug, frustriert, unfrisiert und ungeschminkt, schnell mal zum Supermarkt um die Ecke schlurfte, lief ihr der Traummann über den Weg. – Mit ihm lebt sie nun zusammen und die beiden hegen einen Kinderwunsch.

    Für mich ist die Stimme ein ausschlaggebendes Parameter. Wenn ich eine faszinierende Stimme höre, interessiert mich der Mann, dem sie gehört.

    • mariahofbauer schreibt:

      Ich sehe es nicht als Illusion, ein gewisses Grundgerüst an Vorstellungen zu haben, zumal ohnehin jeder Mensch andere Wünsche hegt. Was für den einen Menschen wichtig ist, lässt einen anderen Menschen kalt, und das ist auch gut so, denn sonst müssten wir ja alle gleich sein, und das wär dann richtig öd.

      Ich kenne das Web mittlerweile seit über 20 Jahren. Ich mag es nach wie vor, und Online-Dating ist für mich nur eine von vielen Möglichkeiten, auf die ich mich ganz sicher nicht versteife. Ich wohne in einer lebendigen Stadt, gehe gern aus, begegne beruflich täglich vielen Menschen (und beileibe nicht immer den selben), habe einen kleinen, feinen Freundeskreis und erfahre viel Wertschätzung. Grundsätzlich geht es mir sehr gut, soviel steht fest, und das, was mir fehlt, wird sich sehr wahrscheinlich auch noch finden.

      Die Geschichte mit deiner Schwester, liebe Rosenherz, kann ich mir bei mir 1:1 vorstellen. Im Alltag und beim Ausgehen immer vorzeigbar, wird mir Mr. Right vermutlich an einem Tag begegnen, an dem ich mich verschnupft und triefäugig zur nächsten Apotheke schleppe. Oder etwas übernächtig auf der Suche nach einem starken Kaffee durch die Stadt stolpere. 🙂

      • Rosenherz schreibt:

        Das finde ich schön und treffend formuliert von dir, das mit dem Grundgerüst an Vorstellungen.
        Deine Antwort erinnert mich an ein Blind-Date mit einem Literaten. Ich war damals weder auf der Suche nach einen Mann, noch hatte ich Lust auf einen one-night, da fiel mir eine Annonce auf, die so ungewöhnlich klang, dass sie mich brennend interessierte. Ich rief an und sagte wahrheitsgemäß dazu, dass ich mich der Mensch hinter dieser Anzeige interessiere, jedoch ich keinen Partner suchte. Das fand ich fair ihm gegenüber.

        Wir trafen uns in einem Cafe in der Stadt. Ich wollte es einfach wissen, wie es dazugekommen war, so eine wohlklingende sehr poetische Partenrannonce verfasst zu haben. – Am Ende musste ich lachen, weil er weniger eine Partnerin gesucht hatte, sondern vielmehr Zuhörer(innen) für seine literarischen Lesungen, die er in verschiedenen Städten organsierte. – Da trafen also zwei Menschen aufeinander, die beide gar kein Interesse an einer Paarbeziehung hatten.

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